Vampirliebe
 

„Warum? Warum hast du das getan?“, Susanna stand vor Marcel und schlug ihm mit ihren Fäusten gegen die Brust. Marcel lächelte still in sich hinein, mag sie auch die Kraft von über 100 Männern in sich tragen, für ihn war es mehr ein sanftes Streicheln.
 „Warum?“, fragte sie wieder und blutige Tränen liefen ihr über die zarten blaßen Wangen. Marcel grinste und schob sie von sich. Dann blickte er auf die menschliche Gestalt, die am Boden lag, leckte sich das restliche Blut aus den Mundwinkeln und erwiederte: „Weil du mir gehörst, mir ganz allein.“ „Nein! Niemals!,“ schrie sie ihn an, wobei sich ihr schönes Gesicht zu einer häßlichen Fratze verzog. „Du hast nicht das Recht über mich zu bestimmen.“ Er lachte heiser, schüttelte den Kopf und mit ernstem Gesicht gab er zurück: „Du dummes Ding. Ich habe dich zu dem gemacht, was du heute bist. Ohne mich würden dich schon längst die Würmer gefressen haben.“ Susannas Gesicht nahm wieder die schönen sanften menschlichen Züge an mit dem sie jeden Mann betören konnte. Ein Augenaufschlag von ihr und Mann war verloren.
Genau wie David. Doch mit ihm war es anders gewesen, sein Blut hatte sie nie begehrt. Ihn dafür um so mehr. All die Jahre ihrer Unsterblichkeit, und es waren weit mehr als 100, war sie so einsam gewesen. Abgesehen von Marcel, der sie zu einem Kind der Nacht gemacht hatte. Aber er war kein richtiger Freund und würde es auch nie werden – er war lediglich ihr Erzeuger. Und doch brauchte sie ihn, wie er sie.
Dann aber kam David. Mensch hin oder her, sie, die die Männer umgarnte, um sie letztendlich ihres Blutes zu berauben, war ihm mit Haut und Haar verfallen.
Und nun, nun lag er da. Ausgesaugt, bis auf den letzten Tropfen, zu spät, um ihn zurückzuholen... Susanna seufzte leise, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und kniete neben dem Toten nieder. „Es tut mir so leid“, flüsterte sie und strich ihm mit der Hand über die kalte Wange. Schon längst hatte sie vorgehabt, David die Wahrheit über sich zu sagen, doch immer wieder hielt sie die Angst zurück, sie könnte ihn dadurch verlieren. Aber jetzt hatte sie ihn für immer verloren.
Dabei hatte der Abend so schön begonnen. Sie hatten sich in seiner Lieblingsdiskothek getroffen, er hatte ihr erzählt, wie sein Tag so gelaufen war. Dann hatten sie zusammen getanzt. Für einen kurzen Moment hatte Susanna das Gefühl gehabt, beobachtet zu werden, was sie aber wieder verwarf. Als es kurz vor Mitternacht war, brachen sie auf, um zu ihm nach Hause zu gehen. Sie mußten dabei durch eine halbdunkle, kaum belebte Seitenstraße gehen und da stand plötzlich Marcel vor ihnen. Noch bevor Susanna es verhindern konnte, was sie aufgrund Marcels Stärke auch nie geschafft hätte, hatte dieser David gegriffen und nach den Worten „Das ist also dein neuer Freund“ zugebissen und ihn ausgesaugt. Es ging alles so verdammt schnell...
Marcels Hand legte sich auf ihre Schulter. „Komm“, sagte er leise und freundlich, so wie sie es von ihm gewohnt war. Sie richtete sich wieder auf und er nahm sie in seine Arme. Sie lachte leise, dann sagte sie, mehr zu sich selbst: „Vampire haben keine Freunde.“
Dann hakte sie sich bei Marcel unter und meinte:  „Komm, laß uns gehen. Ich habe Hunger.“
Marcel grinste, denn da war sie wieder, die Vampirin Susanna, so kannte - so liebte er sie.

 

LadyNightVamp
Februar 2001